Mittwoch, 26. September 2012

Gedichtinterpretation "Zufluchtsstätte"

Das Gedicht „Zufluchtsstätte“ von Bertolt Brecht, das in dem Jahr 1937 entstanden ist, handelt von dem Ort, an dem sich das lyrische Ich befand. In derselben Zeit, genauer gesagt von 1933 bis 1939, lebte Berthold Brecht wie das lyrische Ich in einer Zufluchtsstätte. Von den Nationalsozialisten aus Deutschland, wegen seiner kritischen Gedichte vertrieben, ließ sich Brecht auf einer idyllischen Insel Dänemarks nieder. Daher ist davon auszugehen, dass das Gedicht aus der Perspektive von Brecht verfasst wurde, er darin seine eigenen Erlebnisse verarbeitet und demzufolge mit dem lyrischen Ich gleichzusetzen ist. 

„Zufluchtsstätte“ wurde in zwei Strophen mit jeweils vier Versen geschrieben. Dabei wurden zwei unterschiedliche Reimschemata verwendet. In der ersten Strophe ist es ein Kreuzreim (abab), in der zweiten ein umarmender Reim (abba). 

In dem ersten Vers befindet sich eine Anapher „Ein… . Ein“. Dadurch wird eine gewisse Monotonie in den Achtzeiler gebracht. Im Allgemeinen lässt sich zu der ersten Strophe sagen, dass sie eine bloße Aneinanderreihung von Hauptsätzen ist und daher das Eintönige durch den Aufbau zusätzlich unterstützt wird. Am Anfang des ersten Verses beschreibt das lyrische Ich, dass ein Ruder „ auf dem Dach“ liegt. Es scheint daher, als wolle es jederzeit zur Flucht bereit sein (Bezug auf Vers 7- das Wasser als Fluchtweg).Darauf folgend in den Versen 3 und 4, dass die „Pfähle eingeschlagen“ sind, sagt zwar aus, dass Pfähle stehen, nicht jedoch ob die Schaukel auch schon montiert wurde. Würde die Schaukel angebracht werden, wäre das lyrische Ich mit dem Ort emotional verbunden. Um dies zu vermeiden, baut es die Schaukel nicht fertig. Da das lyrische Ich mit Bertolt Brecht gleichzusetzen ist, kann man wohl zu Recht behaupten, dass Brecht sein Exil nicht sonderlich mochte und die Hoffnung da wegzukommen, noch nicht aufgegeben hat. 

Die zweite Strophe beginnt mit einem Gefühl von Einsamkeit, fast schon Verbitterung dadurch. „ Wo Briefe willkommen wären“ (Vers 6) ist das Ende des Satzes und zeigt, dass das lyrische Ich gerne soziale Kontakte haben will und auf Post wartet, aber es kommt nichts. Keiner schreibt dem lyrischen Ich, es ist allein. Anschließend folgt eine geschickte Überleitung. Vers 7 hat zwei Bedeutungen. Einerseits die Beobachtung von Schiffen aus Langweile, andererseits aber auch das im Auge behalten des Fluchtweges. Während die erste Bedeutung noch als Fortsetzung vom Anfang der Strophe zu sehen ist, ist die zweite Variante eher als Vorgänger für die Schlusszeile zu sehen. Da beschreibt das lyrische Ich dann genau, dass es alle Fluchtwege kennt. „Vier Türen, … zu fliehn“ zeigt noch mal prägnant, dass er aus seinem Exil weg möchte und gegebenenfalls auch muss. Da die Nationalsozialisten weiter auf dem Vormarsch waren, wurde die Bedrohung für die Exilanten in den Nachbarländern von Deutschland immer größer. Die vier Fluchttüren symbolisieren die vier Möglichkeiten, die Brecht hatte, um sicher aus Dänemark zu entkommen (Großbritannien, Norwegen, Schweden, Russland). 

Kommentare:

Tantin Falk hat gesagt…

Bist du dir sicher, dass Polen eines der vier sicheren Fluchtmöglichkeiten war? Weil durch den Angriff auf Polen wurde von Nazideutschland ja erst der Krieg eröffnet...?

Harras, Bureau hat gesagt…

Danke für den Kommentar. Da hast du völlig recht. Wird korrigiert. Es gibt übrigens noch weitere Interpretationen des Gedichts in diesem Blog. Z.B. hier:
http://exillyrik.blogspot.de/2012/10/poesie-der-bedrohung-das-gedicht.html

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