Das
Gedicht „Zufluchtsstätte“ von Bertolt Brecht stammt aus der
Sammlung „Svendborger Gedichte“, die Brecht bereits im Exil
zusammenstellte und die 1939 in Kopenhagen erschien. Wie die bereits
besprochenen Gedichte „Über die Bezeichnung Emigranten“ und
„Gedanken über die Dauer des Exils“ gehört es zum sechsten
Teil der Sammlung, welcher insbesondere die Situation im Exil
reflektiert.
Anders als bei den
beiden Vorläufern fällt beim Lesen ein zurückhaltender Rhythmus
auf (bestehend aus Amphibrachys und Jambus – je nach Takteinteilung
ließen sich manche Versfüße auch als Anapäst lesen). Der Rhythmus
aus Jamben und Amphibrachen wird aber mehrfach unterbrochen: nämlich
in Vers 2 durch die beiden aufeinander folgenden Hebungen bei
„wégtrágen“, in Vers 4 durch den Rhythmuswechsel in einen
dreihebigen Trochäus bei „Pfáehle éingeschlágen“ und in Vers 5,
hier weniger stark, da hier Jamben verwendet werden, allerdings ohne
die Kombination mit dem einwiegenden Amphibrachys; sowie schließlich
am Ende durch einen Akzentwechsel bei „dáraus zu fliéhn“ auf die erste
Silbe im Takt.
Ebenso zurückhaltend
wie der Rhythmus sind die Reime, die durch den uneinheitlichen
Rhythmus leicht überlesen werden können und nur vorsichtig
anklingen. Rhythmus und Reime wirken daher so, als sollten sie einen
zu harmonischen Klang um jeden Preis vermeiden.
Zu diesen formalen
Aspekten korrespondiert die Bildlichkeit des Gedichts. Zunächst
lassen sich alle Elemente wörtlich verstehen. Tropen – seien es
Metaphern, Metonymien oder Symbole – drängen sich zunächst nicht
auf. Selbst das "Ruder auf dem Dach" (Vers 1) kann noch als gegenständliche
Beschreibung aufgefasst werden, auch wenn es am ehesten als Metapher
der Deplazierung verstanden werden kann – als Bild für den ins
Ausland vertriebenen Dichter, fern der Muttersprache. Stärker noch
aber als die dezente, skizzenhaft gehaltene Darstellung der
Zufluchtsstätte mit Strohdach, Schaukelpfählen und Blick auf den
Sund wirkt als formales Element die Auslassung. Schon in den
Anfangsversen ergibt sich eine Lücke: „Ein mittlerer Wind// Wird das
Stroh nicht wegtragen“ – ein stärkerer schon, ist man geneigt
hinzuzufügen. Auch die Schaukel hat nur Pfähle, die Schaukel
zwischen den Pfählen fehlt – so zeigen die Pfähle eher eine Lücke
an, deuten auf das Fehlen von Schaukelbrett und spielenden Kindern.
In diesem Sinne „wären“ auch die Briefe willkommen, wenn denn
tatsächlich welche kämen. Sie werden schmerzlich vermisst. So
entsteht das Bild einer leeren Zuflucht, einer Unbehaustheit, wie sie
im ersten Teil des Gedichts „Gedanken über die Dauer des Exils“
anklingt. Die Abwesenheit eines wirklich schützenden Dachs, von
Schaukel, Kindern und Briefen verhindert ein Heimisch-Werden. Dies
„Unheimliche“ erfährt im letzten Vers seine Begründung – der
Feind, auch er wird nicht erwähnt, zwingt das lyrische Ich zur
Flucht. So steht am Ende das Bild eines verlassenen Hauses, während
die drohende Ankunft des Feindes nachträglich der Zufluchtsstätte
eine andere Färbung verleiht: Über dem Haus liegt eine latente
Bedrohung. Sie bewirkt, dass das Ruder zur Flucht oder als Waffe
dienen könnte, sie gibt den Pfählen ein anderes Aussehen, ein
weniger unschuldiges, das einer latenten Gewalt; und auch die Briefe
lassen sich nun als eine fehlende Warnung verstehen, hat doch die
Flucht, die thematisch in das Gedicht hineinplatzt, so etwas
Plötzliches wie die Ankunft des Feindes. Letztlich
steht in einer Klimax der Auslassung der Feind, der zur Flucht zwingt, als
Grund hinter aller Unbehaglichkeit.
So entsteht eine Korrespondenz von
formalen und sprachbildlichen Elementen. Dabei ergibt sich durch die gestörte Metrik, die
vorsichtigen Reime und die Rhetorik der Auslassung ein antithetisches Zusammenspiel aus der Beschaulichkeit des Ortes und latenter Lebensbedrohung, von scheinbarer Harmonie
und unterschwelliger Bedrohung.
Thermann